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Feature in Juice (Ger)

Nachdem sie sich vor vielen Jahren auf einer Berliner Party kennen gelernt hatten, stellten Marc Hype und Jim Dunloop schnell musikalische Gemeinsamkeiten fest. Erste Tracks und Remixe entstanden, wurden über das famose Milk Crate-Label veröffentlicht und verhalfen den beiden tourerprobten Musikern zu Auftritten in New York, Japan, Hongkong, Russland, Dubai und Israel. Der zweimalige ITF-Champ Marc Hype mixt die seltensten und tanzbarsten Funk- und Soul-Tunes mit HipHop und Artverwandtem ineinander, während Jim Dunloop ihn am Piano begleitet. Dessen klassische Klavierausbildung ist dabei mehr als nur ein kleiner Pluspunkt, um sich von den Sets der Konkurrenz abzuheben. Dieser Tage erscheint über Melting Pot Music das gemeinsame Album “Stamp Out Reality”, das mit Gästen wie Mr. Lif, Funk- Legende Blowfly, Flomega und B. Worrell von den Puppetmastaz aufwartet.

Euer erster gemeinsamer Track war ein Intro für die damalige “Bambi Lounge”-Partyreihe.
Hype
: Ja, das war der Startpunkt. Wir wollten halt die “Bambi Lounge” rocken wie die Bekloppten. Der Song ist dann allerdings so gut geworden, dass wir den Olski angerufen haben, weil der ja so ein kleines Label hat [MPM, Anm. d. Verf.]. Er hat ja damals auch die Milk Crate-Edits gemacht.

Es gab bei euch ja eine Entwicklung vom Samplen zum Einspielen. Wie fand das statt?
Hype
: “The Mexican” war unser erster eingespielter Track. Im Prinzip funktioniert das so: Ich habe die Idee, und Jim setzt sie um. Ich bin ja eher der Turntablist und sehe mich gerne als Regisseur. (lacht)
Dunloop: Hype sucht sich halt irgendwelche Drums raus, die ich dann zerhacke und neu arrangiere – und dann geht die Arbeit los.Ich spiele alles ein, von der Orgel über Bass und Gitarre bis zum Klavier. Die jeweiligen Samples werden dann im Nachhinein mit Instrumenten ergänzt, und so entsteht der Song. Oft ist das Sample ja nur ein kurzer Bläsersatz.
Hype: Er weiß sofort, wo ich damit hin will, wenn ich etwas anschleppe. Dann bringt er seinen Flavor dazu. Es gibt auf dem Album also wirklich nie Hype oder Dunloop alleine zu hören. Man hört bei jedem Song raus, dass beide Seelen in der Musik stecken.

Gab es Songs, bei denen ihr euch nicht einigen konntet?
Hype
: Nein. Die Diskussionen drehten sich eher um die Tracklist.
Dunloop: Genau. Das lag halt auch daran, dass wir insgesamt recht lange an dem Album gearbeitet haben. Einige Instrumentals, auf die MCs gerappt hatten, waren für uns einfach nicht mehr aktuell. Also haben wir das komplette Instrumental neu bearbeitet und die Texte behalten.

Der Song mit Blowfly ist super geworden. Habt ihr ihn während der Europatour kennen gelernt?
Hype
: Nein, das ist eine lange Ge- schichte. Ich habe ihn vor ungefähr zwei Jahren auf MySpace als Fan angeschrieben. Er hat sich dann per- sönlich bedankt, und ich habe gleich ein Feature angefragt. Er meinte dann, ich solle seinen Manager anschreiben, doch da kam nichts zurück. 18 Monate später kam eine Nachricht von seinem Manager, ob ich ihm we- gen Bookings in Europa helfen kann. Also habe ich da was vermittelt, und zwei Wochen später war der Track da. Das war schon verrückt, da Blowfly schon 68 ist. Auf seiner Europatour im Cassiopeia waren dann zwei zahlende Gäste, die keiner erwartet hatte: Bela B und Rod Rodriguez. Die haben das komplette Konzert gefeiert und ihn im Anschluss auch angesprochen. Keine drei Monate später kam er wieder nach Deutschland und war Vorgruppe bei der großen Ärzte-Tour. Daraus hat sich einiges entwickelt, er hat sogar noch einen Song mit Otto von Schirach aufgenommen. Ganz kranker Shit.

Wie gestaltet ihr eure Auftritte?
Dunloop
: Wir versuchen immer, einen Spannungsbogen zu bauen und den aus verschiedenen tanzbaren Genres zu gestalten. Ich gehe mittlerweile auf fast gar keine Partys mehr, da ich sie immer mit unseren eigenen Veranstaltungen vergleiche und dann alles scheiße finde.
Hype: Viele DJs trauen sich nichts. Deswegen habe ich auch immer die Freestyle-Szene um Ninja Tune bewundert, da passiert viel mehr. Mit Reggae anfangen, dann HipHop mit Broken Beats und Funk mixen und mit Drum & Bass aufhören. Viele gehen nur noch auf Nummer sicher. Kaum jemand hat noch den Anspruch, neue Musik zu zeigen. Deswegen hört man auch von vielen, dass überall die gleiche Musik gespielt wird. Ninja Tune-Nächte im Icon sind hingegen immer noch sehr geil.

Jim, stimmt es, dass du manchmal bewusst falsch spielst, damit die Leute merken, dass es live ist?
Dunloop
: Wenn man zu perfekt und glatt spielt, dann merken die Leute nicht, dass irgendetwas live passiert. Das ist generell so. Wenn ich zu gut gespielt habe, haben sich die Leute weggedreht, weil sie dachten, da läuft eine CD. Erst wenn ich mich verspielt habe, kam auf einmal Applaus.
Hype: Teilweise dachten Zuschauer, dass er der Lichtmann sei. (lacht)
Dunloop: Lustig ist es auch, wenn sie zu mir kommen, um nach einem Track zu fragen, und einfach nicht kapieren, dass ich nicht der DJ bin.
Hype: Es ist schwierig, dem Publikum klarzumachen, was da eigentlich ab- geht. Unsere Gigs sind ja schon komplexer als ein normaler DJ-Gig, weil alles live ergänzt und geremixt wird.

Wie bewertet ihr die Rare Funk- Szene in Europa? In Paris ist mir aufgefallen, dass viele DJs die seltensten Platten extrem hart mixen, als würden sie kein Geld kosten.
Hype
: (lacht) Und in England mixen sie gar nicht, da wird nach jedem Track erstmal eine Geschichte erzählt. Einer wie Keb Darge lässt einfach den Song auslaufen und erzählt danach, wer den geschrieben hat und was genau Northern Soul nochmal war. Und dann kommt das nächste Lied. Ich selbst spiele halt gerne Funk für HipHopper, also Breaks-lastigen Sound. Das geht dann sowohl bei HipHoppern und Funk- Heads auf. Am schönsten wäre es, wenn sich beide Reihen wieder zusammen auf Partys einfinden könnten, ohne dass es gleich um die seltensten 45s oder straighten HipHop geht.

Du legst ja mit Serato auf. Hat das neben dem Aspekt, dass du weniger schleppen musst, auch den Vorteil, dass du beim Auflegen die seltenen Platten schützt und nicht auf Re-Issues zurückgreifen muss?
Hype
: Nee, ich bin da ganz pragmatisch. Ich war in der Szene dafür bekannt, dass ich die meisten Plattencases und Trolleys zerschossen habe. Ich habe noch keinen DJ-Trolley gesehen, der viel aushält. Die lästigen Kosten für Übergepäck sind auch ein Aspekt, aber das war nicht der Hauptgrund. Die Auswahl ist natürlich auch nicht zu verachten. Früher hat man mit einem 100er-Case den Abend bestritten und musste die Party rocken. Alleine das richtige Packen der Platten war eine Kunst für sich. Heute hast du bestimmte Playlisten, die nach guten Abenden gespeichert werden. Das ist viel entspannter, früher musste man sich
besser und intensiver vorbereiten.
Dunloop: Ein Vorteil von Serato ist aber definitiv das Timestretching. Da schwanken die Tonhöhen nicht so sehr. Früher ließen sich die Einsätze mit dem Piano nicht so leicht umsetzen.

Dein mittlerweile klassisches Debütalbum “1973*Recon” wird nun bei iTunes wiederveröffentlicht. Kaufst du dort selbst ein?
Hype
: Schon. Abgesehen davon, dass man die Songs dann nicht für Serato digitalisieren muss, verdient der Künstler an einem legalen Download mehr als an einem Plattenverkauf, da die Herstellungskosten wegfallen. Ich kaufe viele digitale Songs, die ich nicht öfter als ein paar mal spiele oder im nächsten Monat schon wieder scheiße finde. Dann muss ich die halt nicht lagern. Ich habe ohnehin genug Platten im Regel stehen. Wobei Platten immer noch das Optimale sind, ganz normal.

Sind eure Auftritte eigentlich komplett gefreestylet oder geht ihr alles im Vorfeld durch?
Dunloop
: Für das HipHop Kemp haben wir geprobt, da wir dort ja das Album vorgestellt haben. Sonst sind die Auftritte aber komplett Freestyle. Mit der Zeit kennt man die Songs natürlich, aber da ich auf dem Piano immer improvisiere, klingt jedes Set anders.

Welchen aktuellen Sound feiert ihr?
Dunloop: Was mich zuletzt inspiriert hat, war eine unveröffentlichte Live-DVD von London Elektricity aus England. Das war unglaublich eingespielt. Das sind alles Freaks, komplett durch, aber auf der Bühne unglaublich.
Hype: Im Moment ist es bei mir Siriusmo. Er ist wohl nicht so der Businessman, aber ein sehr krasser Produzent. Wer so viel Soul in so wuchtige Elektronik kriegt, verdient Props. Katalyst aus Australien ist auch wahnsinnig.

Besteht ein Austausch mit Leuten wie Defcon oder Scope, die ja einen ähnlichen Sound fahren?
Hype
: Auf jeden Fall, das sind unsere Homies. Roskoe, ehemals Rock Da Most, war ja mein Mentor. Der ist heute bei Jazzanova und macht mit Defcon auch so schöne Boogie- und Electro-Nummern. Die OldSchool hängt da schon
ganz gut zusammen.

Zielt ihr mit dem Album auf Bookings oder sind euch Verkäufe auch wichtig?
Hype
: Was soll man schon erwarten in diesen Zeiten? Ich erwarte, dass sich das ein paar intelligente Leute anhören. Die Albumkultur ist eh am Ende. Ich bin ja auch dafür, dass man nur noch mit Tapes bemustern sollte, weil die mit Sicherheit nicht mehr gerippt werden. (lacht) Dauert viel zu lange und die Quali wäre auch nicht zufriedenstellend.

Text: Ndilyo Nimindé
Foto: Kike

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